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Guter Dinge in Gleinstätten
Gleinstätten ist ein Ort mit rund 1500 EinwohnerInnen in der Weststeiermark. Durch einen Teil des Ortes führt die B74 von Leibnitz nach Deutschlandsberg. Ein Problem stellt seit Jahren die relativ hohe Frequenz schwerer Lkw entlang der B74 dar – darunter der Verkehr zum und vom Tondach-Ziegelwerk, ein wenig westlich des Ortsgebiets gelegen. Eine Umfahrung kam aus budgetären und räumlichen Gründen nicht in Betracht. Also wurde überlegt, wie man den bestehenden Verkehr für die Anrainer erträglicher gestalten könnte. So ist es zur ersten Umsetzung eines Shared-Space-Modells in der Steiermark gekommen.
Shared Space stellt man sich wohl eher im urbanen Kontext vor, besonders in Vierteln mit einer durchgehend hohen Frequenz unmotorisierten Verkehrs. Hier handelt es sich um einen Ortsteil wo (zumindest in der kalten Jahreszeit) der Fuß- und Radverkehr eher sporadisch aufkommt, zum Beispiel bei Schulbeginn oder -schluss. Hier den eher dominanten Kfz-Verkehr dazu zu bringen, auf die Anwesenheit von Fußgängern rücksichtsvoll zu reagieren, war eine Herausforderung. Ich machte im November 2010, etwa ein Monat nach Fertigstellung der Strassenbauarbeiten, einen Lokalaugenschein.
An der B74 von Osten kommend ist die Ortseinfahrt völlig unauffällig. Erst nach ca. 150m kündigt sich etwas Neues an:
Und dann beginnt die Shared-Space-Zone:
Die Zone beginnt, wo links und rechts ein paar Geschäfte sind. Vorerst nur an den Gehsteigen links und rechts sieht man eine hellbeige Pflasterung. Mit dem Verkehrsschild (rechts im Bild) wird die Vorrangstraße aufgehoben. Ein wenig weiter, und das helle Pflaster bedeckt auch die Fahrbahn. Bald kommen wir zur Schule, wo der offene Vorplatz in der gleichen hellen Farbe gepflastert ist und so in die Fahrbahn übergeht:
Es gibt wieder ein kurzes Stück Asphaltfahrbahn, dann wieder den hellen Belag:
Asphalt und Pflastersteine wechseln einander noch einmal ab; dann sind wir am Ende der Shared-Space-Zone und schauen zurück:
Ähnlich wie am östlichen Ende beginnt die Zone auch hier zuerst mit hellen Seitenstreifen.
Die westliche Ortseinfahrt ist wieder ein Bild der ländlichen Normalität. Ein 70er-Tempolimit reicht ein paar hundert Meter ins Ortsgebiet hinein, und mein Eindruck war, dass es voll ausgefahren wird.
Verkehrsverhalten im Shared-Space-Bereich
Ich habe dem Verkehr ein paar Stunden lang zugeschaut. Beim Herumspazieren hatte ich den Eindruck, dass die meisten Kfz mit einem normalen Tempo, vielleicht etwas unter 50 km/h unterwegs waren. Allerdings: wenn Fußgänger da sind, oder andere Fahrzeuge aus den Seitenstraßen kommen, wurde sichtbar abgebremst.
Ich hatte keine Probleme, im hell gepflasterten Bereich die Straße zu queren. Obwohl keine Zebrastreifen vorhanden sind, nimmt man mit den Kfz-LenkerInnen Augenkontakt auf und sie bremsen oder bleiben stehen.
Als die SchülerInnen aus der Schule kamen, wurde der Autoverkehr ganz langsam. Auf einmal wurde wirklich Schrittgeschwindigkeit gefahren. Die SchülerInnen sind zu Fuß und per Rad verschwunden oder sind in Autos gestiegen und dann war alles wieder wie vorher.
Meine Beobachtungen stehen im Einklang mit den Messungen des KfV Steiermark, das das Projekt begleitet. Vor dem Umbau lag die Geschwindigkeit der Kfz im Durchschnitt von 24 Stunden bei 63 km/h. Danach reduzierte sie sich auf 42 km/h.
Gestaltungsprinzipien
Wir haben schon gesehen, dass die schwarze Asphaltfahrbahn von hell gepflasterten Bereichen unterbrochen wird. Das signalisiert Kfz-LenkerInnen deutlich, dass sie hier nicht mehr auf einer Piste unterwegs sind, die allein ihnen gehört.
Die andere große Änderung betrifft die Sichtbeziehungen. Vor dem Umbau war die Schule durch eine hohe Thujenhecke von der Straße abgeschirmt; jetzt geht der Vorplatz offen (und in der gleichen hellen Farbe) in die Fahrbahn über. Auch in den Kreuzungsbereichen wurden Sichthindernisse entfernt. Da haben wir das zweite zentrale Prinzip des Shared Space: das Leben soll für AutofahrerInnen gut sichtbar von den Seiten auf die Straße zukommen.
Durchdachte Details
Neben diesen großen Prinzipien entdeckte ich auch einige Details, die das erwünschte sanfte Verhalten von Kfz-LenkerInnen unaufdringlich unterstützen.
Es wird optisch zwischen Fahrbahn und Gehsteig unterschieden: beide sind im gleichen Material gepflastert, aber die Muster sind verschieden: Fischgrät für den Gehsteig und Karo für die Fahrbahn:
Der gleiche Pflasterwechsel wird bei Parkplätzen eingesetzt: Auf dem Weg zu diesen Parkplätzen muss man einige optische Barrieren überwinden: einen Bordstein, eine Baumreihe, und die Linie der taktilen Pflastersteine. Es ist also klar, ohne Schilder und ohne darüber nachzudenken, dass man diese Fläche nur als Gast befährt:
Die asphaltierten Fahrbahnabschnitte werden durch graue Pflasterflächen optisch verschmälert (dabei ist die tatsächliche Fahrbahnbreite noch immer großzügig – zwei Lkw können ohne Probleme aneinander vorbeikommen):
Wie passt die Gestaltung zur StVO?
Dieses Shared-Space-Beispiel entspricht nicht der simplen, radikalen Version, von der man immer wieder hört, in der es nur mehr eine niveaugleiche Fläche und gar keine Verkehrszeichen gibt. Das Tempolimit wurde bei 50 km/h belassen. Einzig der Status der Durchzugsstrasse als Vorrangstrasse wurde aufgehoben. Somit waren keine Schilder in diesem Bereich mehr notwendig. Es gibt aber immer noch deutlich getrennte Fahrbahn- und Gehsteigflächen, obwohl die Trennung teilweise mit ungewöhnlichen Mitteln realisiert wird:
An beiden Enden beginnt die helle Pflasterung an den Gehsteigen, bevor sie auf der Fahrbahn vorkommt. So wird angedeutet, dass die Linie der Fahrbahn sich durch den offenen, hellen Bereich fortsetzt. Es gibt noch kleine Niveauunterschiede, die mit rauen Granitbordsteinen ausgeführt sind:
In den Linien der taktilen Pflastersteine ist jeder 4. Stein schwarz, was eine optische Begrenzung ergibt: Und manche Bereiche werden mit (schmalen) Pollern abgesichert:
Wie ist der Planungsprozess abgelaufen?
Die Proponenten von Shared Space werden nicht müde zu betonen, dass es sich dabei nicht nur um eine gestalterische Denkschule handelt, sondern dass auch die Einbindung der Bevölkerung eine Schlüsselrolle spielt.
In Gleinstätten wurden über einen Zeitraum von einem Jahr eine Bürgerversammlung und eine Reihe von Planungsworkshops gehalten – geleitet von der Forschungsgesellschaft Mobilität (Graz) mit dem Architekten und Raumplaner Thomas Pilz. Nach jedem Workshop wurde an alle BewohnerInnen ein Protokoll mit der Einladung zum nächsten Termin geschickt. So wollte man erreichen, dass die Diskussion sich nicht auf einen kleinen Kern von Interessierten reduzierte, sondern breit blieb. Ein Planer war in der Workshops präsent, um die Stimmungen und Wünsche besser zu verstehen. Die Leute wurden gefragt, was sie dazu beitragen könnten, dass mehr Leben (von ihren Grundstücken aus) in den öffentlichen Raum hineingetragen wird. Manche Widersprüche in den BürgerInnenwünschen wurden schon vor der eigentlichen Verkehrsplanung gelöst; die BürgerInnen wurden also nicht von Anfang an mit einem Entwurf konfrontiert, zu dem sie nur ja oder nein sagen konnten. Die Verkehrsplanung wurde vom Büro ZIS+P durchgeführt, bei den juristischen Fragen wurde die Baubezirksleitung vom Land Steiermark aktiv unterstützt.
Im Laufe des Planungsprozesses wurden Lkw-Fahrer, die in der Gegend arbeiten, mit BürgerInnen zusammengebracht. Erstere sahen dann ein, warum sie im Ortsgebiet auf eine schonendere Fahrweise achten sollten. Die Pflastersteine, die im Fahrbahnbereich verwendet wurden, sind angeblich so konstruiert, dass sie ab ca. 40 km/h einen deutlich lauteres Fahrgeräusch erzeugen.
Resumée
In Gleinstätten wird nicht sehr viel Rad gefahren. Allerdings verdient die dort festgestellte Änderung im Fahrverhalten der Kfz-LenkerInnen auch die Aufmerksamkeit von Radverkehrs-Interessierten. Sie zeigt, dass sowas auch in Österreich, bei unserer oft-lamentierten, eher aggressiven Verkehrskultur, wirken kann. Die LenkerInnen sind nicht andere Menschen geworden: außerhalb der Shared-Space-Zone wird der regionaltypische, eher sportliche Fahrstil nach wie vor ausgelebt. Der Beruhigungseffekt wurde ohne physische Verengungen oder Verschwenkungen der Fahrbahn erzielt, was für RadlerInnen bedeutet, dass sie anders als bei manchen herkömmlichen Verkehrsberuhigungsmaßnahmen nicht mit dem motorisierten Verkehr gleichsam zusammen in einen Trichter geschickt werden.
Die Sache ist schließlich aber keine Hexerei. Keine Shared-Space-Patentlösung wurde angewendet. Es wurde nicht stur ein einzelnes Gestaltungsprinzip angewendet, sondern es wurden je nach Abschnitt verschiedene Elemente kombiniert. Diese sprechen aber in Summe eine klare Sprache. Insgesamt beweist das Projekt, dass eine intuitiv funktionierende Raumgestaltung doch mit der geltenden Fassung der StVO kompatibel gemacht werden kann. Zum Großteil liegt das wahrscheinlich daran, dass dort wo es wirklich wichtig war, der Raum konsequent aufgeräumt und geöffnet wurde. Die gründlich sanierten Sichtbeziehungen machen rechtliche Vorsichtsmaßnahmen (= Schilder) überflüssig. Man wird wohl in Zukunft wachsam sein müssen, dass sich nicht wieder neue Sichthindernisse hereinschleichen.
Zum Schluß ist anzumerken, dass die Sache von einem größtmöglichen Kontrast zwischen der Freilandsituation und dem innerörtlichen Shared-Space-Bereich lebt. Fährt man mit dem Auto nach Gleinstätten hinein, ist die Tatsache nicht zu übersehen, dass man sich jetzt woanders befindet als noch vor wenigen Sekunden. Shared Space in diesem Sinne ist also etwas, das nur in gut ausgesuchten Ortsteilen umgesetzt werden sollte.
Ben Hemmens, ARGUS-Steiermark
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Danke für den Bericht! Ein paar mehr Fotos wären noch schön.
hier eingerichtet.
LG Ben Hemmens
Ben Hemmens