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Hauptzweck von Kennzeichen wird verkannt
Jetzt ist sie wieder da, die Diskussion um die Rad-Kennzeichen. Dieses Mal war es Bürgermeister Häupl, der sich als Sommerlochfüller versucht. Der Reihe nach melden sich dann die üblichen Verdächtigen und alle finden es eine gute Idee.
Bild: "Fahrradkennzeichen" in den USA
Es ist offenbar eine so verlockende Vorstellung. Man geht oder fährt irgendwo auf der Straße und nimmt wahr, wie ein Radler oder eine Radlerin etwas Verbotenes tut: fährt am Gehsteig, missachtet eine rote Ampel, ignoriert den Vorrang, produziert eine Beinahe-Kollision mit einem Fußgänger oder einer Fußgängerin oder mit einem Fahrzeug. Man ärgert sich. Man wünscht, der Bösewicht möge seine gerechte Strafe erfahren. Kennzeichen ablesen, schneller Anruf bei der Polizei, Radrowdy wird abgestraft und in der Insel der Seligen wird ein kleiner Schaden an der guten Ordnung ausgebessert.

Bilder: der neu gestaltete Radweg am Schottentor
Jetzt müssen wir zur Sicherheit schnell festhalten, dass wir Aggression im Verkehr sowie StVO-Übertretungen überhaupt nicht gut heißen. Diese Dinge werden auch von RadlerInnen verübt, möglicherweise mit steigender Häufigkeit. Das finden wir nicht cool, und wir unterstützen Maßnahmen, die eine realistische Aussicht bieten, diese Unsitten einzuschränken.
Nur leider – und das ist der große Irrtum bei dieser Vorstellung – taugt ein Kennzeichen zu diesem Zweck überhaupt nicht. Um das zu verstehen, muss man nur ein wenig die eigene Erfahrung mit dem Fahrzeugsegment reflektieren, wo es amtliche Kennzeichen schon gibt.
Ich habe zum Beispiel einen regelmäßigen Weg von ca. 30 km in einer Richtung, für den ich normalerweise das Auto nehme. Da fahre ich zunächst ein Stück durch unser Wohnviertel in der 30er-Zone, mit vielen “Rechtsregel”-Kreuzungen, dann auf übergeordneten Straßen im Stadtgebiet, nach der Stadtgrenze auf die Autobahn. Mit Sicherheit erlebe ich jedes Mal folgende StVO-Übertretungen: Schnellfahren im 30er; Vorrangverletzungen bzw. Missverständnisse; Autofahrer hinter mir, die bei Gelb Gas geben; Missachtung des Reißverschluss-Prinzips; Missachtung des Vorrangs von Bussen, die aus Haltestellenbuchten losfahren wollen; Missachtung von Halte- und Parkverboten, auch sichtbehindernd; Autos, die in der 2. Spur über einen Schutzweg fahren, nachdem ich auf der 1. Spur schon stehe; Autos, die im Einordnen-Bereich auf der Autobahn im 100er mit 130 von hinten kommen. Freilich: Wenn ich mein eigenes Fahrverhalten streng betrachte, baue ich ja auch jedes Mal irgendeinen Blödsinn, für den ich prinzipiell angezeigt werden könnte.

Bild: der neu gestaltete Radweg am Schottentor
Bild: Mehrzweckstreifen
Schottengasse
Glauben Sie, dass ich jemals eine von diesen Übertretungen angezeigt habe? Freilich nicht. Das ist ja aufwändig. Da muss man auf die Polizeiinspektion gehen, Formulare ausfüllen und so. Da muss man dort zuerst einen Beamten finden, der einem so was überhaupt abnimmt – was dem Vernehmen nach nicht immer leicht ist.
In Wirklichkeit ärgere ich mich darüber nicht einmal. Ich kenne die Route auswendig und weiß, dass beim Markt wild geparkt wird, dass es bei einer bestimmten Stelle, wo die Fahrbahn sich von zwei auf eine Spur verengt, immer einen Drängler gibt, dass ich beim Spurwechsel vor einem bestimmten Tunnel aufpassen muss, usw.
Das heißt, man müsste sich der schieren Zahl der überall und immer stattfindenden Verkehrsübertretungen bewusst werden – und der Tatsache, dass 99,9% oder mehr davon unbestraft gehen, ja, auch den Opfern kaum ein Achselzucken abnötigen.
Sicher gibt es noch das Problem der Fahrerflucht. Aber erstens: Diese ist im Kfz-System, wo es Kennzeichen gibt, nicht sehr häufig (ich habe keine genauen Zahlen, aber evtl. 1% aller Unfälle). Zweitens schätze ich, dass die Fahrerflucht selten aus einer rationalen Überlegung stattfindet, sondern viel eher aus Panik und Verdrängung. Wie man sieht, verschwindet dieses Verhalten trotz Kennzeichen nicht. Ja, es werden wohl manche Fälle mittels Kennzeichen aufgeklärt, aber diese sind eine relativ kleine Zahl. Da es insgesamt viel weniger Straßenverkehrsunfälle mit Fahrrädern als mit Kfz gibt (Verhältnis rund 1:7), müsste man dem Aufwand eines Kennzeichen-Systems eine realistische Schätzung der Fallzahl, die dadurch einer Aufklärung zugeführt werden könnte, gegenüberstellen. Ich glaube, diese Rechnung würde ernüchternd ausfallen.
Kfz-Kennzeichen spielen wichtige Rollen bei der Zulassung (haben einen Zusammenhang mit der Verkehrstauglichkeit und Versicherung des Fahrzeugs), bei der Abwicklung von Unfällen, und bei planmäßigen Kontrollen von der Exekutive. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Kontrollen, obwohl sie pro Jahr Millionen von Strafen generieren, im Verhältnis zur Gesamtzahl der stattfindenden StVO-Übertretungen ein Tropfen auf dem heißen Stein sind. Anonyme Anzeigen durch andere VerkehrsteilnehmerInnen sind sehr selten. In Summe verkennt man hier also den Zweck von Kennzeichen.
Benjamin Hemmens - ARGUS Steiermark
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Wien ist stolz auf das Radwegnetz. Verkehrsplaner und ARGUS haben oft darauf hingewiesen, dass die derzeitige Verteilung des öffentlichen Raums zu Konfiikten führen muss, da dem Autoverkehr immer noch die größte Fläche zur Verfügung steht und Radfahrer und Fußgänger sich die restliche Fläche teilen müssen. Viele aus meiner Sicht unüberlegt geplante Stellen, wie jene am Schottentor oder in der Margaretenstraße vor dem AMS, sind endlich entschärft worden, doch es bleiben noch immer genug ärgerliche und gefährliche Passagen, wie z. B. jene bei der Opernkreuzung.
Zuerst Radwege fahrlässig anzulegen und dann die Radfahrer, die diese benützen müssen, zu beschimpfen finde ich ganz schön perfid. Und wenn ich alle Autofahrer anzeigen würde, die mit Fullspeed durch die Wohnstraße sausen, in der ich wohne, wäre ich vollbeschäftigt.
1060 Wien
es ist sicher wahr, dass viele Radfahranlagen so mangelhaft gestaltet sind, dass Konflikte vorprogrammiert sind. Darüber hinaus führen aber RadlerInnen genug Blödsinn auf, der mit der Qualität von den Radfahranlagen nichts zu tun hat.
Ich bin zB als Fußgänger persönlich bereit, beim Radeln am Gehsteig ein Auge zuzudrücken, aber wenn die Radler dann auch noch aggressiv auf mich zufahren und evtl. klingeln, so auf die Art, dass ich gefälligst Platz machen soll, da sehe ich sogar als langjähriger Rad-Aktivist rot. Das kommt schon vor und ich habe volles Verständnis für Leute, die sich darüber ärgern. Nur ist diese Kennzeichengeschichte dafür keine kosteneffektive oder zielführende Lösung.
Ben Hemmens
... allerdings eine kleine Korrektur: Dass die Autofahrer auf der Autobahn bei Ihrer Auffahrt von hinten mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit kommen, das hat schon seine Ordnung. Wenn Sie auf die Autobahn auffahren, haben Sie vor sich einen sogenannten Beschleunigungsstreifen, den Sie benutzen sollten, um auch die Geschwindigkeit zu erreichen, die dort eben gefahren wird. Erst dann sollten Sie sich auf die rechte Fahrspur einordnen.
einordnen muss … zB vor Baustellen oder Knoten … an diese dachte ich, nicht an die Auffahrt.
Ben Hemmens
Habe schon lange auf eine Stellungnahme der ARGUS zu diesem Blödsinn gewartet. Da es jetzt ja mittlerweile in wirklich allen Zeitungen Krone, Kurier, OOEN, orf.at, ... kommt und z.B. der Krone sogar wichtiger ist als das Debakel um Kärntner Parteifinanzierungen.
Ich muss mich leider sehr über diese Artikel ärgern, aber das was mich freut ist das ich mit ziemlicher Sicherheit sagen kann das ein Radkennzeichen nicht kommen wird, unter anderem (Realisierbarkeit, Nutzen, Schlechter Effekt für den Radverkehrsanteil) auch weil Organisationen wie die ARGUS vernünftig dagegen argumentieren werden.