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Frischer Wind im Fernverkehr ab 2011


Jahr: 
2010
Ausgabe: 
2
„Die Westbahn“ nimmt Radler mit! Während die ÖBB mit ihrer konsequenten Weigerung, den Railjet für Radfahrer zu öffnen, ihre treuesten Stammkunden verärgern, setzt die private „Westbahn“ von Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner und Ex-ÖBB-Vorstand Stefan Wehinger gerade auf die radfahrende Kundschaft: Die Fahrradmitnahme wird in allen Zügen der neuen Privatbahn problemlos möglich sein.

 

Im Dezember 2011 starten Wehinger und Haselsteiner mit einem Schnellzugsverkehr Wien-Salzburg im Stundentakt. Genaues zum Fahrplan wird noch nicht verraten – nur so viel: „Wir werden sehr früh starten und bis spät in die Nacht hinein fahren“, sagt der ehemalige ÖBB-Personenverkehrs-Vor­stand Stefan Wehinger. Er und Haselsteiner sind je zur Hälfte Eigentümer der privaten „Westbahn“, mit der alemannischer Schwung in den österreichischen Bahnalltag gebracht werden soll. Denn neben dem Vorarlberger 
Wehinger – einst Chef der privaten Monta­fonerbahn, bevor er von 2004 bis 2008 zu den ÖBB wechselte, wird der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel federführend bei der „Westbahn“ mitmischen: Er ist Aufsichtsratsvorsitzender und soll mit seiner enormen Erfahrung ein Stück des Eisenbahnmusterlands Schweiz mit in die „Westbahn“ einbringen.
 
Schweizer Service
Das bedeutet zunächst einmal: Kundenorientiertheit. Fahrgäste der privaten „Westbahn“ werden es denkbar einfach haben: In den Zug steigen und die Fahrkarte beim Schaffner kaufen, fertig. Ohne Zuschlag, ohne Schikanen, ohne Warteschlange beim Schalter, ohne Ärger mit irgendeinem Automaten, ohne Zittern, ob das langsame Ding die Fahrkarte noch rechtzeitig vor Abfahrt des Zuges ausspuckt. Die Fahrkarten werden nur die Hälfte der zweiten Klasse ÖBB kosten, dafür verspricht Wehinger erstklassigen Service: Jeder Waggon hat einen eigenen Schaffner, der nicht nur die Fahrkarten verkaufen, sondern auch Erfrischungen servieren und die Wagen laufend reinigen wird. Der Personalaufwand ist trotzdem nur halb so hoch wie bei den Bundesbahnen, weil jegliches Bahnhofs- und Schalterpersonal wegfällt.
 
Halber Ticketpreis 
Mit diesem Konzept werden erstens Gelegenheitsfahrer angesprochen, denen die ÖBB bisher zu umständlich und zu teuer sind, aber auch Kunden mit Vorteilscard können die private „Westbahn“ ohne finanziellen Nachteil nutzen. Lediglich bei ergänzender Benützung der ÖBB als Zubringer zur Strecke Wien-Salzburg wird das Ticket teurer, weil keine durchgehenden Fahrkarten ausgestellt werden. Doch auch da strebt die „Westbahn“ mittelfristig ein Kooperationsabkommen mit den ÖBB an. Was die Fahrradkarten kosten werden, ist noch unklar. Stammkundentarife und günstige Mehrfahrtenkarten sind jedenfalls angedacht. Die Fahrzeit Wien-Salzburg wird im ersten Betriebsjahr 2 Stunden 50 Minuten betragen, bei 5-7 Zwischenaufenthalten in Hütteldorf, Tullnerfeld, St. Pölten, Amstetten, Linz, Wels und Attnang-Puchheim. Ab 2012 verringert sich die Fahrzeit infolge des fortschreitenden Streckenausbaus auf 2 Stunden 30 Minuten. Als Besonderheit starten und enden die Züge auch in Zukunft in Wien Westbahnhof, während die ÖBB ja ihren gesamten Fernverkehr zum neuen Hauptbahnhof übersiedeln. Dabei berücksichtigt die private „Westbahn“, dass der Westbahnhof vom Großteil des Wiener Stadtgebietes wesentlich besser erreichbar ist als der ehemalige Süd- und künftige Hauptbahnhof – und mit der Mariahilferstraße auch das bedeutend attraktivere Einfallstor in Richtung Innenstadt bietet.
 
Die private „Westbahn“ wird zunächst 250 Mitarbeiter beschäftigen und bei Erfolg ihre Tätigkeit auch auf andere Strecken ausweiten. Man denke dabei nicht nur an Österreich, sondern auch an Osteuropa. Konkrete Pläne will man aber zumindest noch nicht verraten. Auch der geplante Umsatz bleibt vorerst geheim. Man werde jedoch schnell in die Gewinnzone kommen, prophezeit Wehinger. Er rechnet mit einer jährlichen Schienenmaut von 7 bis 10 Millionen Euro, die an die ÖBB-Infrastruktur zu zahlen sein wird.

ÖBB-Zerschlagung
Nach seinem Ausscheiden aus den ÖBB findet Wehinger auch durchaus kritische Worte zur Zerschlagung des Unternehmens: Er habe damals zwar davon profitiert und einen Posten bekommen. Prinzipiell sei die Aufteilung der ÖBB in anfangs neun Untergesellschaften aber ein Riesenfehler gewesen. Alle erfolgreichen Bahnen Europas seien in nur einer Gesellschaft vereinigt. Nicht einmal eine eigene Infrastruktur-Gesellschaft sei notwendig, meint Wehinger. Den freien Zugang von privaten Bahnbetreibern zum Streckennetz könne man auch ohne ÖBB-Zerschlagung gewährleisten. Bürokratische Schikanen hat es laut Wehinger bisher für die „Westbahn“ nicht gegeben. Sowohl das Ministerium als auch die für die Trassenreservierung zuständige ÖBB-Infrastruktur seien außerordentlich korrekt und kooperativ vorgegangen.
 
Brutal
Durchsage in einer Doppelstockgarnitur von Korneuburg nach Wien-Floridsdorf:
„Werte Fahrgäste! Auf Grund der kalten Witterung sind die Türen teilweise angefroren… Sie dürfen, wenn die Türen nicht aufgehen, ausnahmsweise unten dagegen treten!“
Ja, der Winter, der war heuer ein rauer Geselle und machte uns Fahrgäste ganz schön gewalttätig. 

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