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Girtlers Freilauf 2/10
Jahr:
2010
Ausgabe:
2 Liebe Freundinnen und Freunde des edlen Drahtesels!
Es ist ein kalter Tag, an dem ich nach Windischgarsten radle, und zwar zum Tierarzt Dr. Günter Orator. Dieser freundliche Herr ist schon längere Zeit in Pension, er will mir für meine Studie über Landtierärzte aus seiner Tätigkeit erzählen. Freundlich begrüßt er mich, als ich vor seinem Haus mein Fahrrad parke. Auch er ist ein begeisterter Radfahrer, den ich regelmäßig bei meinen Touren auf den Hengstpass getroffen habe. Herr Dr. Orator bittet mich in sein schönes Haus, das an einem Abhang liegt und einen wunderbaren Ausblick auf das Garstnertl bietet. Wir setzen uns an den Tisch der großzügigen Wohnhalle. Herr Dr. Orator erzählt mir Spannendes aus seinem Leben.
Für die alten Landtierärzte war es vor allem das Fahrrad in der Zeit vor und nach dem Krieg, mit dem sie zu den Bauern geradelt sind, um Rinder, Schafe und Schweine zu behandeln. Durch das Radfahren hatten sie eine besondere Beziehung zur Landschaft. So erzählte mir der Sohn des früheren Tierarztes von Matrei in Osttirol, dass sein Vater mit dem Fahrrad bis nach Pregarten und Kals gefahren sei, das sind lange und schöne Strecken. Jedes Mal sei er verschwitzt nach Hause gekommen. Sogar nach St. Jakob im Defreggental sei er geradelt, einen ganzen Tag war er unterwegs. Ich kenne dieses Tal, da ich vor ein paar Jahren über den Stallersattel nach Südtirol geradelt bin. Ich habe allen Respekt vor dem radelnden Tierarzt Dr. Obwexer. Als Radfahrer war auch der Tierarzt Dr. Franz Krawarik in Vorderstoder viel unterwegs, er schrieb darüber: „Meine Beanspruchung nahm mit meinen Erfolgen immer mehr zu, fast täglich gab es ein bis zwei dutzend Fälle zu behandeln, eine Zahl, die ich nie erwartet hätte! Als Fahrgelegenheit besaß ich nur mein altes Fahrrad, das ich schon als Student benutzt hatte. Meist musste ich zu Fuß gehen, weil die Wege schlecht und die Gehöfte hoch gelegen waren, oder aber der Schnee den Gebrauch des Rades verhinderte…“. Das Fahrrad gehörte zum Leben der alten Landtierärzte. Auch meine Mutter, die Landärztin, war in den Jahren nach dem Krieg radelnd unterwegs. Das Fahrrad war ihr heilig. Auch heute gibt es noch Ärzte und Tierärzte, die zu ihren Patienten radeln. Auf das Wohlsein von Herrn Dr. Orator und allen radelnden Tier- und Menschenärzten erhebe ich mein Glas mit dem isotonischen Getränk Bier.
Roland Girtler ist Professor am Institut für Soziologie der UNI Wien
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