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Virus Auto


Jahr: 
2010
Ausgabe: 
2

 

Hermann Knoflacher, Verkehrsexperte und emeritierter Professor für Verkehrsplanung an der TU Wien, globaler Fußgehervertreter, Vorkämpfer für menschengerechtere Mobilität und für viele nicht zuletzt Nationalheld in Form eines längst notwendig gewordenen Verkehrs-Revoluzzers.

Nach etlichen Jahren Kampf und Widerstand, nach etlichen gewitzten und nicht minder außergewöhnlichen Versuchen (man erinnere sich an das sogenannte „Gehzeug“) die Problematik unseres Verkehrswesens aufzuzeigen, erschien nun im September 2009 sein Auto-kritisches, gleichermaßen faszinierendes als auch mutiges Werk „Virus Auto“ im 

Ueberreuter Verlag. Mutig deshalb, weil derartig erbarmungslose Offenheit in der Regel nicht nur Freunde schafft.
 
Die Geschichte einer Zerstörung
Knoflacher analysiert auf faszinierende Art, breit gefächert und vielschichtig unsere Auto-affine Gesellschaft und lässt das „technische Wunder Auto“ aus einem völlig anderen Blickwinkel erscheinen. 
 
Prometheus und die Büchse der Pandora stellen eine Art Parabel dar in Bezug auf das „Wunderding Auto“, welches uns grenzenlose Mobilität, Bequemlichkeit und Effizienz verspricht, jedoch in Wahrheit unser Umfeld und unsere Umwelt mit Lärm, Abgasen und etlichen anderen Problemen schwer belastet. Dieses „Wunderding“ verbreitet sich virusartig weiter, wächst und gedeiht erst so richtig durch gezielt gestreute Halbwahrheiten und Begehrlichkeiten, die uns die Autolobby in vielen bunten Wochenendbeilagen diverser Tageszeitungen (leicht verdaulich) serviert – das Auto als Statussymbol, flexibles Fortbewegungsmittel, Behelf zur Selbstdarstellung und Produzent persönlicher Bewegungsfreiheit?
 
Beton &Asphalt
Dem geneigten, bald schon völlig entgeisterten Leser wird in Form der Erläuterung verschiedenster Probleme, wie etwa dem ständigen Wachsen der österreichischen Beton- und Asphaltflächen, der damit einhergehenden Bodenverdichtung oder etwa der opulenten Gewichtszunahme der Autos präzise vor Augen geführt, dass diese Welt nicht mehr für die Menschen ausgebaut und verbessert wird, sondern viel mehr eine Idealwelt für das Auto geschaffen wird. Knoflacher warnt vor Privatisierung zu großer Infrastrukturnetze. Er verweist in einem Beispiel auf die Folgen der Zergliederung der ÖBB in einzelne Teilbereiche, welche mit ungewöhnlich heftigem Arbeits-, Finanz- und Strukturierungsaufwand sämtliche nun anfallende Leistungen – wenig effizient – zwischen den einzelnen Ebenen zu verrechnen versuchen. Knoflacher verweist in diesem Zusammenhang auf das in Los Angeles (1939) befindliche, weltweit größte Straßen- und S-Bahn-System. Dieses wurde von einem Treibstoff-Konzern, einem Reifenhersteller und einem KFZ-Fabrikanten aufgekauft, privatisiert und in der Folge schrittweise stillgelegt (!).
Die zum Teil herrlich bissige Wortwahl und die schockierenden Tatsachen lockert der Autor mit etlichen Anekdoten, wie z.B. die Replik des damals zuständigen Wiener Stadtrates auf den von Knoflacher 1975 getätigten Vorschlag, doch auch den Radverkehr ins neu zu erstellende Wiener Verkehrskonzept aufzunehmen:  Der Stadtrat quittiert die redlichen Bemühungen Knoflachers mit den Worten „Was wollen Sie? Ich musste im Krieg von Wien nach Prag mit dem Fahrrad fahren – das hat mir gereicht!“ …
 
Der Weg und das Ziel
Endlich wird die Ideologie des ständigen Wachstums hinterfragt und Schwarz auf Weiß dargestellt, dass der Verkehr zwar ordentlich zugenommen hat, nicht jedoch die Anzahl der Wege sondern nur die Länge dieser Wege. Anstatt Dörfer, kleinere Städte oder Ortschaften wieder lebenswert zu gestalten, indem man deren Ausbau fördert, wird in Fahrbahnen investiert, ohne auch nur im Geringsten dabei zu bedenken, dass sich die tägliche Fahrstrecke zur Arbeitsstelle selbstredend verlängert, wenn der eigene Wohnort sich für die gleichzeitige Arbeits- und Freizeitgestaltung zunehmend unattraktiver erweist.
 
Virus Auto
Anfangs klingt der Vergleich „Virus-Automobil“ vielleicht merkwürdig, aber je genauer man hinsieht desto mehr Ähnlichkeiten und Parallelen wird man auch finden. Ebenso wie eine vom Virus befallene Zelle nach einer gewissen Zeit nicht mehr für den Körper, sondern nur mehr für das Virus arbeitet, bemüht sich die Gesellschaft auch nicht mehr um menschengerechte Lebensqualität, sondern bloß um die Optimierung des Autoverkehrs – noch dazu tatkräftig unterstützt von Vater Staat. Anstatt die derzeitige „Krise“ zur Innovation des Verkehrswesens und zur Rückführung verlorener Lebensqualität zu nutzen, bewilligt der Staat immens kostenintensive Förderungsmaßnahmen in Form von „Verschrottungsprämien“.
 
Hoffnung in der Zukunft
Dass es jedoch auch anders geht, zeigt Knoflacher anhand des Beispiels „Seoul“ auf. Und zwar wurde dort im Jahre 2003 vom Bürgermeister eine altersschwach gewordene Autobahn zur Gänze abgerissen und der mittlerweile über Jahrzehnte unter Straßen begrabene Fluss wieder freigelegt. Seither ersetzen in Seoul 16 Busrouten den verbannten PKW-Verkehr und die bis dato verheerende Luftqualität wurde immens verbessert. Dieser rigorose Einschnitt ging natürlich nicht kampflos über die Bühne, dennoch setzte sich der Bürgermeister mit seiner Idee letztendlich durch. Dieser Bürgermeister von Seoul wurde im vergangenen Jahr zum Präsidenten von Südkorea gewählt…
 
General-Abo
Anstatt die Idee des bereits länger diskutierten „General-Abos“ für das öffentliche Verkehrsnetz Österreichs weiterzuentwickeln, wurde die Verschrottungsprämie eingeführt, wodurch das Interesse der derzeitigen Regierung am obgenannten Projekt schlagartig zum Erlöschen kam.  
Es bleibt jedoch zu hoffen, dass diese wunderbare Idee, die im kleineren Ausmaß auch in der Schweiz und in den Niederlanden prächtig funktioniert, nicht ganz in Vergessenheit gerät und früher oder später doch noch zum Erblühen gebracht werden kann. Es ist höchste Zeit etwas zu verändern,  wie Goethe schon sagte: „Der Mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat.“ 

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