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"Es ist Poesie in der Hast"
Jahr:
2010
Ausgabe:
3
Schnitzler, Hofmannsthal, Herzl – vom ersten Fahrradboom im Fin de Siècle wurden auch die Literaten erfasst. Auf Touren rund um Wien und den Semmering oder auf Sommerfrische im Salzkammergut huldigten sie dem neuen, schicken Sport und schrieben darüber.
„In der Kastanienallee, die Alpenheim mit der Privatvilla meines Onkels verband, übte sich eine herrliche Männergestalt im Radfahren. Zu dem tiefschwarzen Bart und den strahlenden dunkeln Augen hätte der Burnus besser als die Dreß gepasst. Theodor Herzl, der Schöpfer des Zionismus." Was eine Chronistin in Aussee beobachtete, war in den Urlaubsdomizilen des ausgehenden 19. Jahrhunderts nichts Außergewöhnliches: Dichter, Schriftsteller und Künstler, vornehmlich aus dem Wiener Kreis ("Jung Wien"), übten sich im Radfahren.
Der vor 150 Jahren geborene Theodor Herzl (1860-1904) war von Arthur Schnitzler (1862-1931) zum Radfahren animiert worden. In einem Feuilleton widmete sich Herzl der gesellschaftlichen Akzeptanz des Radfahrens. Vor Kurzem noch "muntere Leibesübung junger Burschen oder lächerlicher Sportsnarren" sehe man nun "ehrenfeste unjunge Leute auf dem Zweirade durch die Gassen jagen, und sie machen dazu ernsthafte Mienen. Viele schämen sich freilich noch ertappt zu werden, weil sie sich einer Welt von Vorurteilen gegenüber befinden."
Herzl räsonierte über die Auswirkungen des Fahrrad-Booms auf die Luxusindustrien – selbst Klavierfabrikanten beklagten sich bitterlich über halbierte Umsatzzahlen: "Man spielt also weniger Klavier, das ist ja gar nicht übel." Auch Buchverlage, Theater, Schneider, Schuster und Frisöre stöhnten, weil der Radfahrer weniger Zeit für die Muße habe, nicht mehr so viele Stiefel abnütze und angeblich weniger Sorgfalt auf Haar und Bart verwende. Nicht betrübt brauche man über den Schaden für die Tabakmanufaktur sein. Den Ausfällen bei den Verkehrsunternehmen hält Herzl entgegen, dass sie seit der Eisenbahn verlassene Landstraße wieder zu Ehren komme: "Nun schwebt die leichte Bicyclette einher und führt ein neues Leben mit sich."
Der allgemein an Technik, Reisen und Bewegung interessierte Herzl war von den Vorteilen der Massenproduktion überzeugt: Für die Fabriksarbeiter eröffne es die Möglichkeit, größere Distanzen zu überwinden und in billigeren und gesünderen Wohnverhältnissen außerhalb der Städte zu leben. Das Fahrrad sei ein „nützliches, demnächst unentbehrliches Verkehrsinstrument“, das gewaltig auf die Zustände der Menschen einwirken, das Aussehen der Städte und viele Bedingungen des Lebens verändern werde.
Gleichzeitig gab Herzl dem Individual- gegenüber dem kollektivistischen Verkehr den Vorzug: „Es wird dem Einzelnen wieder zu seinem Recht verhelfen". Gezeichnet wurde von ihm das moderne Bild des Schnelleren: "Die Fußgänger schleppen sich mit einer unverständlichen Langsamkeit und Trübsal dahin. Ein Tritt auf die Kurbel, und sie sind überholt, sie sind schon fern, schon klein. Es ist eine Poesie in der Hast." Ein Bild, das sich bald – aus Sicht der nun Motorisierten – gegen das Fahrrad richten sollte. Doch noch waren die Perspektiven, die das Rad eröffnete, verheißungsvoll, Standesunterschiede wurden aufgehoben, man blickte in „dunkle, arme Gassen“, eilig und betroffen in Verhältnisse, um die man sich sonst nicht kümmerte: "Da sieht man erst, was das ist: Ottakring, Gumpendorf, Margarethen! Was da alles vorgeht. Unsere Erfahrung wird bereichert und vertieft."
Ähnlich wie die Erfindung der Daguerreotypie trage das Fahrrad dazu bei, dass die Welt lichter werde: "Nichts ist uns zu nah und nichts zu fern". Auch wenn diese Neuerung nicht gleich jedermann einleuchte, "so wird uns dieses Fahrzeug zu einem sinnvollen Paradigma für das Schicksal der Ideen, für ihr Leiden und ihren endlichen wunderbaren Sieg."
„Alles kurier ich durchs Rad“
Schnitzler war Zugpferd im „Jung Wien“ und bekehrte u.a. Hugo von Hofmannsthal:"Sie müssen Bicycle fahren lernen!", forderte er ihn 1893 auf, obwohl – oder weil – er selbst erst kurz den Radsport für sich entdeckt hatte. Er schwärmte vom Radfahren ("Der Strohhalm, mit dem ich mich an die Lebensfreude klammere"), wurde Mitglied der Radfahrer-Union "Vorwärts" und gab sich auch als Teil der Community zu erkennen, indem er in seinen Tagebüchern häufig Fachkürzel verwendete: "Bic.clubpartie", "Bic. Klosterneuburg-Kierling-Wien. Mit Radfahrern soupiert" oder schlicht „Pneum. hin“. Allein im hochaktiven Jahr 1898 finden sich 80 Vermerke über das Radeln. Adele Sandrock schenkte ihrem Geliebten übrigens eine "Bic-peitsche". Bei "Vorwärts" trugen sich später auch Hofmannsthal, Hermann Bahr und Richard Beer-Hofmann ein.
Schriftsteller Hermann Bahr, der wie Herzl und Schnitzler ebenfalls zu den Ausseer Sommerfrischlern zählte, berichtete seinem Vater von der wunderbaren Wirkung des Radelns: "Fällt mir nichts ein, fahre ich Rad. Gift ich mich, fahre ich Rad. Hab ich Kopfweh, fahre ich Rad. Immer fahre ich Rad. Alles kurier ich durchs Rad. Es ist eine herrliche Erfindung und für die Gesundheit unbeschreiblich."
Aus der Wiener Literaturszene stammten auch Jacob Wassermann, Romancier und Mitarbeiter des „Simplicissimus", der durch Hofmannsthal nach Altaussee kam, angeblich von München mit dem Fahrrad, und Felix Salten, wie Herzl gebürtig aus Budapest, nachmals Autor von "Bambi, ein Leben im Walde" (1923). Salten schrieb Hofmannsthal von einer Tour:"Die Fahrt durch die Pracht des Ampezzo u Cadore Tales und der Aufenthalt hier haben gelehrt: Es genügt nicht, daß der Mensch den Tod Tizians schreibe, er muß auch Bicycle fahren können. Ersteres haben Sie getan, das Zweite bleibt Ihnen noch."
Hoffmannsthal sattelte tatsächlich auf. Im Mai 1897 gab er sich in einem Brief an Schnitzler bereits geübt: "Das Radfahren macht mir große Freude: es ist wunderschön, ein bisserl ermüdet und erhitzt sich irgendwo still hinzusetzen und über die Sträucher, die Wiesen und die Hügel hinzuschauen, und abends ist es sogar wunderschön, in den Straßen der Vorstädte zu fahren. (...) Ich war erst in Weidling am Bach, und in Heiligenkreuz." Im Sommer 1898 war er gemeinsam mit Schnitzler in der Schweiz unterwegs, im Jahre 1900 fuhr er durch Österreich und Norditalien.
Doch die Begeisterung für das Fahrrad verblasste allmählich. 1904 schrieb Schnitzler an Hofmannstal von Ausflügen in der Umgebung von Wien: "Rad beinah gar nicht – die vielen mühelosen Dahinraser im Automobil verderben einem die naive Freude." Sechs Jahre später berichtete der nun 46-Jährige von seinem „Fin de Cycle“: "Vom Semmering habe ich eine Fußpartie gemacht, denken Sie, mein Rad habe ich – verschenkt". Der von ihm missionierte Hofmannsthal blieb am längsten dem Rad treu.
Theodor Herzl hatte sich schon bald der nächsten technischen Neuerung zugewandt, wie dies viele aus der Elite der frühen Radlerei taten. Drei Jahre nach seinem Feuilleton über das Radfahren fragte er in einem Essay über das Automobil: "Ist es nicht eigentümlich kühn und schön, die gebändigten Explosionen zum Vorwärtskommen zu benützen?"
Geblieben von dieser radbesessenen Zeit ist Herzls Fahrrad, ein Opel Victoria Blitz, das er bei seinem letzten Ausseer Gastgeber, dem Schneiderwirt, hinterlassen hat. In den 1970er-Jahren wurde es auf dem Dachboden aufgestöbert und kam in den Besitz des Literaturmuseums Altaussee. Dort fristete es – weiter unter Ausschluss der Öffentlichkeit – sein Ausgedinge. 2008 kam es als Leihgabe an das Jüdische Museum Wien und wurde als Hingucker in die Ausstellung "Hast du meine Alpen gesehen?" eingebaut.
Hinweise: Die Ausstellung „Hast du meine Alpen gesehen?“ ist noch bis 27.2.2011 im Alpinen Museum des Deutschen Alpenverein in München zu sehen. Der hier abgedruckte Beitrag ist ausführlicher und mit Literaturangaben unter http://graz.radln.net/cms/beitrag/11254412/25359581/ nachzulesen.
…schreibt ein weniger berühmter Franz Breiter in seinen „Lebenserinnerungen“ über die Geschichte seines Fahrrades:
“Dieses Fahrrad hatte ich mir erst kurz vor dieser Fahrt von meinem selbst verdienten Geld erwirtschaftet. Es war bereits mit einer Dreigang-Schaltung ausgestattet, was sich bei Bergfahrten sehr vorteilhaft auswirkte. Dazu sei zu bemerken, dass ein Fahrrad damals eine weitaus größere Bedeutung hatte, besonders für uns Jugendliche, war es doch die einfachste und billigste Möglichkeit, nähere oder auch weitere Ziele zu erreichen.
Man schrieb das ereignisreiche Jahr 1938, im März war der sogenannte „Anschluss“ an das Deutsche Reich erfolgt. Ich war damals 17 Jahre.
Mein Bruder, ein Freund und ich nahmen uns im Sommer eine Woche frei und machten uns auf die Reise. In zwei Tagesetappen erreichten wir zunächst den Mondsee, wo die Eltern eines unserer Freunde ein Sommerhaus am See besaßen. Wir konnten uns dort ausruhen, baden und ein wenig Boot fahren. Dann ging es zum eigentlichen Ziel unserer Reise, nämlich zur deutschen Staatsgrenze bei Salzburg,
Bald darauf fuhren wir auf den Semmering, als im Zuge der Gleichschaltung mit dem ‘Altreich’ auch in Österreich die Rechtsfahrordnung eingeführt wurde, da bei uns bis zu diesem Zeitpunkt die Linksfahrordnung galt. Aus unerfindlichen Gründen wurde diese neue Ordnung nicht zugleich in allen Bundesländern eingeführt. So fuhr man in der Steiermark bereits rechts und in Niederösterreich noch links. Es war also für uns ein ‘historisches’ Erlebnis, als wir, auf der Passhöhe angekommen, wo die Landesgrenze verläuft, einfach die Seiten wechselten und auf der rechten Seite weiterfuhren.
Im Juli 1939 folgte dann meine lang geplante große Österreich-Rundfahrt, mit Bewältigung der erst 1935 fertig gestellten Großglockner-Hochalpenstraße. Eine Herausforderung für mich ebenso wie für mein Fahrrad… So fuhr ich also am 23. Juli 1939 los, und in drei Tagesetappen erreichte ich Heiligenblut am Fuße der Glockner-Straße. Um leichter voranzukommen, hängte ich mich auf freien Strecken an etwas langsamer fahrenden Lastwagen an. Doch das war sehr gefährlich, denn die Chauffeure sahen das nicht gern und fuhren absichtlich ganz nahe an den Straßenrand, sodass man loslassen musste, um nicht in den Straßengraben zu stürzen. Übernachtet wurde in den Wiesen allein stehenden kleinen Heuhütten oder bei freundlichen Bauern im Heustadel. Auf der Glockner-Passhöhe gab es Schneefall und ich fror ganz schön in meiner kurzen Lederhose. Und bei der Talfahrt lief des Öfteren der Rücktritt-Freilauf heiß und musste gekühlt werden.
Danach war einige Jahre Pause für mein treues Fahrrad, denn es kamen ernstere Dinge auf mich zu, die mich in Anspruch nahmen. Krieg und Gefangenschaft hielten mich fern von der Heimat.
Nach meiner Heimkehr 1946 war es noch einige Jahrzehnte mein treuer Begleiter für den Nahbereich, bis es im Jahre 1985 auf seine letzte große Reise geschickt wurde – nach Ostafrika!
Ich war damals im Rahmen der Dritte-Welt-Hilfe an einem Projekt beteiligt, in dem verschiedene Gerätschaften, wie Tret-Nähmaschinen, Werkzeuge und auch Fahrräder für Tansania gesammelt wurden... Ich sammelte allein im Nahbereich Neunkirchen mehr als sechzig alte Nähmaschinen, die ich zur Weiterbeförderung nach Krems brachte, und darunter eben auch mein altgedientes, treues Fahrrad.
So endet also die Geschichte meines Fahrrades in Afrika, nachzulesen in meinem Buch Lebenserinnerungen“.
Quelle: http://www.menschen-schreibengeschichte.at
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