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Über den Leithawald zum Neusiedlersee


Jahr: 
2010
Ausgabe: 
3

Grenzgänge zwischen Beschaulichkeit und Betriebsamkeit

Diese kleine Tagestour von Pottendorf nach Neusiedl am See bietet viel Abwechslung auf kleinstem Raum: Flachland, Waldpassagen und hügelige Radrouten. Dazu einen gehörigen Schuss Kultur abseits der Trampelpfade, einzigartige Naturjuwele und ganz viel Kulturlandschaft.
 
Wenn über Schneeberg und Rax die Wolken hängen und sich wieder einmal Schlechtwetter anbahnt, ist der Grenzraum zwischen dem südlichen Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland meist begünstigt. Starker Westwind ist für diese Route sogar ein idealer Antriebsmotor. Darüber hinaus betritt – pardon: befährt – selbst der erfahrene Radausflügler hier zumindest teilweise Neuland: Pottendorf, Leithaprodersdorf oder Au am Leithagebirge glänzen nicht gerade mit großer Bekanntheit, dafür mit umso interessanteren versteckten Juwelen. Es folgt eine sanfte Waldpassage übers Leithagebirge nach Donnerskirchen – je nach Wunsch auf Forst- oder Asphaltstraßen – ehe man vom Kirschblütenradweg einen ungewohnt umfassenden Ausblick auf den Neusiedler See genießt. Die abschließende Fahrt durchs Weinland bietet auch ideale Einkehrmöglichkeiten als kröndenden Abschluss dieser Tour, die eigentlich eine Halbtagstour wäre, gäbe es am Wegesrand nicht so viel zu entdecken und zu genießen.
 

Gleich neben dem Pottendorfer Bahnhof kündet die ehemalige Spinnerei von der reichhaltigen Industriegeschichte der Region. Der derzeit leerstehenden Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert beherbergte einst die älteste Spinnerei Kontinentaleuropas, so man der von Superlativen nur so gespickten österreichischen Geschichtsschreibung trauen darf. In jedem Fall ist er ein anschlauliches Zeugnis der alten Industriekultur an Leitha und Fischa: Hier im Flachland war es relativ einfach, Mühlbäche auszuleiten und die Wasserkraft für die Fabriken zu nutzen. Gleichzeitig sorgte das nahe Gebirge – nein, nicht das Leithagebirge, sondern die Alpen! – für ganzjährig ausreichenden Wassernachschub. Auf dem Weg vom Bahnhof in den Ortskern findet man auch die Nebenprodukte der alten Industrie: Die ehemaligen Arbeiterwohnsiedlungen, heute großteils Gemeindebauten, die auch äußerlich an ihre Verwandten aus Wien erinnern, freilich kleiner dimensioniert, aber im Verhältnis zur Größe des Marktfleckens dennoch ganz beachtlich sind. Ähnliche Arbeitersiedlungen finden sich häufig in der Umgebung, etwa die Nadelburg in Lichtenwörth oder das heute zu Grammatneusiedl gehörige Marienthal, das mit seiner großen Arbeitslosenstudie aus den 30er-Jahren einige Berühmtheit erreicht hat. 
 
Jenseits der Pottendorfer Kirche, einer prunkvollen Barock-Komposition von Lukas von Hildebrandt, die derzeit allerdings renoviert wird, lohnt sich unbedingt der kurze Abstecher zum Pottendorfer Schloss (von der Kirche wenige Meter Richtung Baden rechts der Straße). Die jahrzehntelang dem Verfall preisgegebene Ruine wurde jüngst von der Gemeinde angekauft, der Schlosspark einigermaßen von der Wildnis befreit (die freilich auch sehr idyllisch war) und zugänglich gemacht. Man darf sogar mit dem Fahrrad das weitläufige Areal erkunden und kann sich zwischen einigen künstlichen Kanälen auf der Spurensuche nach der einst aufwändig gestalteten Gartenanlage geradezu verlieren: Hie und da wurden Brücken wiederaufgebaut, andernorts sieht man nur die Fundamente der alten Übergänge.
Auf der Landstraße geht es über Wampersdorf nach Deutsch Brodersdorf. In Leithaprodersdorf wartet eine Ansammlung römischer Sarkophage am Straßenrand, die an die einstige Bedeutung der römischen Burg erinnert und an die alte Leithafurt, die bis ins Hochmittelalter strategisch bedeutend war und durch die die römische Reichsstraße von Vindobona (Wien) nach Scarbantia (Ödenburg/Sopron) führte. Leithaprodersdorf war damals ein wichtiger Straßenknotenpunkt. 
Kurz nach dem Ort wartet an der Straße nach Loretto der im Vorbeifahren unscheinbare, bei näherem Hinsehen aber umso idyllischere Johannesbach. Hier gibt es eine in ganz Mitteleuropa einzigartige Population von Flussmuscheln – und, um die auch von meiner Frau aufgeworfene Frage vorab zu beantworten: Nein, man kann die Muscheln nicht im nächsten Restaurant verkosten, sie stehen unter strengem Naturschutz! Sehen konnte ich sie bisher auch nicht, aber der Anblick des sauberen Bächleins ist in jedem Fall einen kurzen Zwischenstopp wert.
 
In Loretto lässt sich hervorragend fürs eigene Seelenheil beten, falls da noch etwas zu machen ist. Ansonsten bewundert man eben die Architektur der Wallfahrtskirche und die angeschlossene Kapelle. Auf dem Güterweg nach Au am Leithagebirge wartet die erste substantielle Einkehrmöglichkeit: das Gasthaus Edelmühle mit nettem Garten. In Au selbst steht eine Wehrkirche und hier muss man sich auch entscheiden: Wählt man die Geländewege über den Leithawald, wie das Leithagebirge bei den Einheimischen heißt, oder fährt man über Hof und die Bundesstraße 15 nach Donnerskirchen. Für die direktere Waldroute spricht die nette Aussicht vom Pestkreuz zum Schneeberg und der dort installierte unglaublich idyllische Rastplatz unter einer alten Linde, dann natürlich der fehlende Straßenverkehr, der sich vor allem an Wochenenden auf der B 15 wahre Motorradrennen liefert. Dagegen spricht die Rabiatheit der Waldbesitzer, die ihr lächerliches Schild, das oberhalb des Pestkreuzes nur Reiter und Radfahrer, nicht aber den Autoverkehr aussperrt, mitunter lauthals verteidigen. Ob man sich dem auf einem von öffentlicher Hand mitfinanzierten Weg beugen oder lieber eine "Trutzpartie" veranstalten soll, wie sie in der Zwischenkriegszeit bei offiziell gesperrten (ja, das war damals möglich!) Wandergebieten üblich war, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich wähle üblicherweise letzteres.
Letztlich kommt auch der Waldradler auf die Bundesstraße 15, die eine genussvolle und rasante Talfahrt nach Donnerskirchen bietet. In der scharfen Rechtskurve vor der Bergkirche, die oben am Hang bereits schön sichtbar ist, geht's nun geradeaus auf den Kirschblütenradweg B 12. Ein kleiner Abstecher zur Kirche bietet obendrein einen wunderschönen Überblick über die Gegend und den See. Der Kirschblütenradweg führt überraschend hügelig, aber stets sehr schön am Südosthang des 
Leithagebirges entlang mit schönen Ausblicken und in gehörigem Abstand parallel zur Bahn, was auch einen früheren Ausstieg aus der Tour ermöglicht. In Purbach, aber auch in Breitenbrunn führt der Weg durch die Kellergasse, wo sich jeweils Einkehrmöglichkeiten auftun, gesicherter allerdings in Purbach, zumindest an Wochentagen.
 
Die Route:
Anfahrt: Die S 6 fährt stündlich, an Wochenenden meist nur alle zwei Stunden über die Schnellbahn-Stammstrecke nach Pottendorf-Landegg (Zugziel: Wiener Neustadt über Ebenfurth; Selbstbedienungsstrecke!). Ebenfalls möglich: Ab Wien Meidling mit den Eilzügen Richtung Deutschkreutz bis Ebenfurth und per Rad nach Pottendorf (Güter- und Feldwege östlich der Bahn nach Landegg; siehe Rückfahrt). Ebenfurth ist auch von Neusiedl am See und Wiener Neustadt direkt per Bahn erreichbar.
Vor dem Bahnhof Pottendorf-Landegg kurz rechts und links über den Werks­kanal in den Ort. Nach der Brücke liegt rechts die Spinnerei, etwas weiter links der Straße die Arbeitersiedlung. Beim Hauptplatz links zur Kirche. Vor der Kirche Abstecher Richtung Baden zum Schloss und retour zur Kirche. Nun Richtung Ebreichsdorf und Wampersdorf, in scharfer Links-Kurve geradeaus Richtung Wampersdorf, dort geradeaus nach Deutsch Brodersdorf. Hier rechts in den Ort, nochmals rechts nach Leithaprodersdorf und Loretto. Am Ortsausgang von Leithaprodersdorf liegt rechts der Straße das alte Römerkastell mit den Sarkophagen. Ein Stück weiter quert die Landstraße den Johannesbach mit den Flussmuscheln. In Loretto Richtung Waldrandsiedlung und zur Kirche. An dieser vorbei und gerade weiter Richtung Stotzing. Am Ortsrand schräg links auf den Güterweg Hochäcker Richtung Edelmühle. Nach einer scharfen Rechtskurve links abbiegen zur Mühle. Bei der Edelmühle links hinab und weiter nach Au am Leithagebirge. Nach rechts in den Ort, den Wegweisern Richtung Mannersdorf und Hof folgen (links-rechts-links). Straße: weiter Richtung Hof und hier nach Donnerskirchen. Wald: 200 Meter nach der Kirche von Au bei einer kleinen Kreuzung schräg rechts an einer Statue vorbei zum Friedhof und gerade weiter. Nach 400 Metern schräg links (rechts liegt ein Badesee) auf einem Güterweg aufwärts (hier auch Wegweiser "Tennisplatz", diesem aber nicht nach rechts folgen, sondern gerade weiter). Bald erreicht man den Rastplatz beim Pestkreuz. Geradeaus einem Bach entlang auf Waldsträßchen "Pester Kreuz". Bei der ersten Abzweigung nach links über den Bach und auf schöner Forststraße in einer Kehre sanft aufwärts. Am Plateau angelangt zweimal rechts halten, dann geradeaus zur Bundesstraße 15. Wer zu weit nach rechts kommt, stößt auf den marktierten Kammweg und gelangt auf diesem nach links ebenfalls zur Straße (zweimal kurz schieben). Die Straße nach rechts nach Donnerskirchen. In der Rechtskurve vor der Kirche geradaus auf den Kirschblütenradweg B 12. Über Purbach, Breitenbrunn und Winden nach Jois. Hier entweder nach rechts und links hinab zur Bahnstation Jois. Oder links auf dem Neusiedler See Radweg B 10 zum Bahnhof Neusiedl am See.
Rückfahrt: Züge von Neusiedl am See stündlich nach Wien Ost, aber auch nach Wiener Neustadt über Eisenstadt und Ebenfurth. Theoretisch könnte man auf diesem Weg sogar zu einem in Ebenfurth geparkten Auto zurückkehren. Wer in Neusiedl stationiert ist, kann per Bahn auch nach Ebenfurth anreisen und von dort starten. In diesem Fall vom Bahnhof Ebenfurth in rechtem Winkel zur Bundesstraße 60, hier links zur Ampel. Geradeaus auf kleine Asphaltstraße. Wo diese nach links abzweigt geradeaus auf Schotterstraße bis Landegg. Links nach Pottendorf. Nach der Bahnunterführung rechts zum Bahnhof Pottendorf-Landegg.
Streckenlänge: 52 km, ab Ebenfurth 57 km, Fahrzeit: 2 ½-3 Stunden.
Landkarten: Übersichtskarte Burgenland mit Radrouten 1:150.000, gratis erhältlich beim Burgenland-Tourismus, Österreichische Karte 1:50.000 (Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen) Blatt 77 Eisenstadt, Blatt 78 Rust (wichtig für die Waldpassagen!!!, online einsehbar unter www.austrianmap.at).

 

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