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Sizilien - Rund um den höchsten Vulkan Europas


Jahr: 
2007
Ausgabe: 
3

 

Sizilien ist das Prunkstück Italiens – nirgendwo sonst findet man landschaftliche Schönheit und antike Kultur so nah beieinander, nirgendwo sonst ist eine derart breite Mischung verschiedenster Epochen und unterschiedlichster Völker anzutreffen – von den Nachfahren der Normannen bis zu den Einwanderern aus Afrika. 
 
Fortsetzung des Reiseberichts aus DE 2/Das Sträßchen hinauf zur Ausgrabungsstätte Segesta mit ihrem dorischen Tempel führt großteils parallel zu einer eindrucksvollen Gebirgsbahn, die sich in Serpentinen, über Viadukte und durch Tunnels zum Bahnhof Segesta emporschraubt und hier liegt eine der landschaftlich schönsten archäologischen Stätten der Antike, ein nie vollendeter und doch nahezu vollkommen erhaltener dorischer Tempel inmitten der sizilianischen Berge. Über Bruca, Bruseto, Chiesa Nova geht es weiter durch schönes Bergland nach Valderice, wo die Serpentinenstraße hinauf nach Erice beginnt, dem mittelalterlichen Juwel Siziliens. Die  Bergstadt bietet verträumte Gassen, zahlreiche Kirchen, ein unbeschreibliches Flair und einen unbeschreiblichen Blick hinab aufs Meer – falls der Bergkegel, auf dem Erice thront, nicht gerade von Wolken und Nebel umhüllt ist. Einen halben Tag sollte man für den Stadtbummel schon einplanen. Der Weiterweg nach Trapani hinab erledigt sich ganz von selbst. Man rollt einfach ohne jede Anstrengung hinab ins Zentrum, wo auf der sichelförmigen Halbinsel eine nette Altstadt wartet. Nun geht es die Küste entlang nach Süden, schon bald kann man zu den berühmten Salinen von Trapani abzweigen, wo aus Meerwasser Salz gewonnen wird, was in einem schmucken Museum demonstriert wird. Abgesehen von einem kurzen verkehrsreichen Stück ist die weitere Route nach Marsala angenehm – auch hier lohnt es sich, die interessante, lebendige Altstadt zu erkunden.
 
Die nun folgende Südküste kann landschaftlich nicht ganz mit der traumhaft schönen Nordküste mithalten, dafür kann sie mit etlichen ruhigen Nebenstraßen aufwarten, und mit archäologischen Ausgrabungen ersten Ranges. Wer das Antike Griechenland kennenlernen will, ist hier genau richtig. Das erste Etappenziel – Mazara del Vallo – führt einen zuerst einmal eher nach Afrika. Nur 160 Kilometer sind es von hier zur tunesischen Küste – und das spiegelt sich auch im ganzen Flair der Stadt mit ihren engen Gassen und schönen Kirchen wider. Aber schon das nächste Etappenziel ist eine der eindrucksvollsten Ausgrabungen des Altertums: Selinunt. Schon auf dem Weg dorthin über idyllische Nebenstraßen sollte man sich unbedingt einen Vorgeschmack holen – mit einem kurzen Abstecher zur "Cave di Cusa", dem Steinbruch für die Prunkbauten von Selinunt. Hier bekommt man einen einzigartigen Einblick in die Bautechnik des Altertums, sieht, wie die Säulen vor Ort aus dem Fels gehauen wurden. Da nach der Zerstörung der Stadt durch die Karthager 409 v. Chr. die Bautätigkeit eingestellt wurde, liegen einige fast fertige Säulen immer noch zum Abtransport bereit…
 
Selinunt liegt beim Küstenort Marinella, einer Touristenhochburg,  die Flair in jeder Hinsicht vermissen lässt. Die weit verstreuten Ruinen von Selinunt entschädigen aber für all das in vielfacher Weise. Wer sich nur ein bisschen für antike Kultur interessiert, sollte sich Selinunt – so wie das noch folgende Agrigent – nicht entgehen lassen.
Die weitere Route entlang der Küste nach Agrigent gefiel uns wesentlich besser als die Beschreibung im Sizilien-Radtourenführer vermuten ließe. Sie ist landschaftlich ansprechend, führt großteils über ruhige Nebenstraßen – und dort, wo sie der Küstenstraße folgt, ist dies zumindest außerhalb der Saison und außerhalb der Stoßzeiten kein wirkliches Problem. Einen  Zwischenstopp lohnt noch Sciacca – und in Realmonte ist es recht tückisch, die landschaftlich schöne Küstenstraße nach Porto 
Empedocle zu finden – man folge am besten den Wegweisern zur "Villa Romana". Idealer Stützpunkt für das antike Agrigent ist nicht die moderne Stadt 
Agrigento, sondern San Leone, von wo aus man bequem zu den Ausgrabungen radeln kann. Das "Valle dei Templi" liegt südlich der modernen Stadt und gehört zum Feinsten, was das antike Griechenland zu bieten hat. Nach ausgiebiger Besichtigung der beiden großen Ausgrabungsbereiche radle man dann doch hinauf ins moderne Agrigento, wo wir noch eine kurze Stadtbesichtigung einlegten, ehe wir den Bahnhof ansteuerten.
 
Für die nächste Etappe ins Insel­innere wählten wir den Zug – wieder einmal war – wie schon bei der Anreise im Pendolino – nach kurzer Rücksprache mit dem Schaffner die Radmitnahme trotz gegenteiliger Vorschriften im Schnellzug kein Problem – es gäbe aber auch eine Reihe von Regionalzügen, wo die Radmitnahme ganz offiziell erlaubt ist.
Enna liegt über 1000 m hoch und ist die höchstgelegene Stadt Italiens. "Grandios" dachten wir, "dorthin nehmen wir den Zug! – Ein idealer Ausgangspunkt für Radtouren!" Aber Enna ist nicht der Semmering! Die Bahn fährt nämlich gar nicht auf 1000 Meter Höhe hinauf – der Bahnhof liegt weit außerhalb und unterhalb – aber immer noch höher als alle anderen Stationen der Strecke. So radelten wir halt abends noch 300 Höhenmeter bergauf ins Zentrum mit der Altstadt und dem Kastell, dann lag uns aber Sizilien endgültig zu Füßen. Unser eigentliches Ziel ist freilich noch eine Tagesetappe entfernt. Gut, dass man von Enna aus zunächst einmal hinabrollen kann – in unserem Fall nach Süden zum Lago di 
Pergusa. Der ist zwar landschaftlich schön in der Karte vermerkt, dennoch ist er der Schandfleck Siziliens: Man hat doch tatsächlich am Ufer des einzigen Süßwassersees Siziliens, der allen alten Kulturen heilig war, eine Rennstrecke für private Auto- und Motorrad-Raser angelegt. Gottlob ist das Autodrom bald wieder dem Blick entschwunden und es geht durch Bergland, in dem man parallel zur Straße bisweilen noch die Trasse einer alten Schmalspurbahn – und hie und da ein Restaurant in einem aufgelassenen Bahnhof "La Vecchia Stazione" –  erkennen kann, in das schöne Städtchen Piazza Armerina. Die idyllischen Gassen der Altstadt laden zum Verweilen ein – und zum Einstimmen auf einen der absoluten Höhepunkte Siziliens, der unweit der Stadt gelegenen römischen Villa Casale. Die Mosaike, die man dort zu sehen bekommt, sind absolut einzigartig. 
 
Nun folgt eine Strecke gänzlich anderen Charakters durch die Ibleischen Berge – die Monti Iblei – mit ihren kargen Hochflächen, ihren sanften Anstiegen – zumindest für sizilianische Verhältnisse – ihren wunderbaren Barockstädten und ihren einsamen Nebenstraßen. All diese Vorzüge haben die Radreiseführer vor Augen, die die Monti Iblei als sizilianisches Radrevier par excellence preisen. Dennoch haben wir es nicht bereut, uns diese Gegend für den Schluss der Reise aufgehoben zu haben. Hier kann man sich noch einmal nach Herzenslust ausradeln – das ist wunderbar – aber die typischen Sizilien-Klischees erfüllen die Monti Iblei nicht: kein Meer, kein Vulkan, keine Ausgrabungen – hier ist eine – auch touristisch gesehen – ruhigere Region, die sich dem Besucher erst auf den zweiten Blick erschließt.
 
Von der Villa Casale radeln wir zunächst einmal zurück nach Piazza Armerina und dann auf einer herrlichen, stetig fallenden Nebenstraße hinab nach Mirabella Imbáccari – naturgemäß geht es kurz vor dem Ort wieder bergauf – wie sonst gäbe es hier eine schöne Aussicht – und nunmehr in stetigem Auf und Ab – kurz auf der SS 184 – über Caltagirone und Grammichele nach Vizzini. All diese Städte sind überraschend eindrucksvoll, aber die Höhepunkte des sizilianischen Barocks kommen erst: Nach einer schönen und ruhigen, wenn auch bergigen Fahrt auf der SS 194 von Vizzini über Monte­rosso Almo erreicht man Ragusa mit dem herrlichen barocken Dom in Ragusa Ibla. 
 
Ibla hat den Vorzug, nicht nur die schöneren Bauten aufzuweisen als die Oberstadt, sondern auch deutlich tiefer zu liegen. Wir haben uns die Bergwertung ins Zentrum Ragusas geschenkt – was kulturell betrachtet gewiss ein Fauxpax war. Aber nach der Weiterfahrt durch eine schöne Schlucht – die übrigens auch auf einer eindrucksvollen Bahnstrecke durchquert werden könnte, die obendrein fast alle Barockstädte der Gegend miteinander verbindet – wartet ja noch das nicht minder eindrucksvolle 
Modica und nach einer weiteren, noch grandioseren  Schlucht lädt auch noch das ruhige Scicli zum Verweilen ein, das von Touristenmassen bisher weitgehend verschont geblieben ist.
 
In Scicli ist es nicht ganz einfach, die weitere Route auszumachen – und wer nach dem Weg fragt, der bedenke, dass Autofahrer nach Sampieri eine andere Route nehmen! Es gibt allerdings nur eine serpentinenreiche Berg­straße, die aus dem Zentrum nach Süden hinausführt – Richtung Cava d'Aliga und Sampieri.
 
Gleich nach dem Ende der Kehren hält man sich schräg links und fährt einsam durch Bauernland mit den für die Gegend typischen Trockenmauern. An der T-Kreuzung geht es links parallel zur Bahn und nun immer auf Nebenstraßen in den Küstenort Pozzallo. Von hier geht es direkt der Küste entlang, dann im Landesinneren an ein paar Seen vorbei über Pachino zur Südostspitze Siziliens, Portopalo. 
 
Wer Zeit sparen will, kann Pacchino und Portopalo getrost rechts liegen lassen, wenngleich die Ostküste nach Marzamemi hinauf recht einladend ist. 
 
Marzamemi selbst ist bekannt für sein idyllisches Stadtbild und ein herausragender unter den wenigen sizilianischen Badeorten. Allerdings versprüht der Ort einen ziemlich morbiden Charme, an den man sich erst gewöhnen muss. Wenn man sich in Marzamemi Richtung Campingplatz hält, gelangt man auf einige in der Landkarte nicht verzeichnete Nebenstraßen, die in etwa parallel zur aufgelassenen Bahnstrecke Noto-Pachino ein Stück nach Norden führen und erst bei San Lorenzo die Hauptstraße nach Noto erreichen. Ob sich ein Stopp im Naturreservat Vendicari lohnt, entzieht sich unserer Kenntnis – hier erlebten wir unseren heftigsten Regen-(Halb-) Tag in Sizilien, sodass wir schnurstracks das letzte große Barockjuwel unserer Reise ansteuerten: Noto – die berühmteste Barockstadt Siziliens, Weltkulturerbe und doch eine gewaltige Baustelle, weil etliche Prunkbauten – darunter die Kuppel des Doms – erst einstürzen mussten, damit an die Renovierung geschritten wurde.
 
Man könnte die Südostecke Siziliens noch weiter erkunden – es gäbe noch einige gewaltige Schluchten – doch wir bestiegen in Noto den Zug und machten uns auf nach Syrakus. Die Metropole des Antiken Groß-Griechenland bietet heute noch eindrucksvolle Ausgrabungen, antike Steinbrüche, die teilweise in Klostergärten umfunktioniert wurden, das weltberühmte "Ohr des Dionysos", eine Höhle, die jedes gesprochene Wort in eindrucksvoller Weise verstärkt, eine schöne Altstadt, und ein kitschiges modernes Wallfahrtsheiligtum. Einen letzten Fahrrad-Abstecher sollte man sich keinesfalls entgehen lassen – jenen hinaus zu den antiken Stadtbefestigungen, die nicht nur die Größe des griechischen Syrakus deutlich vor Augen führt, die das moderne Syrakus weit in den Schatten stellt, sondern auch einen einzigartigen Einblick in den antiken Festungsbau gewährt – ein technisches Wunderwerk...

Anreise:
Radmitnahme im Zug ist möglich – allerdings müssen die Räder halb zerlegt und in Säcke verpackt sein, denn Radwaggons gibt es  keine. Es genügt, das Vorderrad auszubauen, den Lenker querzustellen und die Pedale abzuschrauben, dann werden in Säcke verpackte Fahrräder von der italienischen Bahngesellschaft Tren­italia als Handgepäck akzeptiert. Die Fahrt nach Rom dauert eine Nacht – dann fährt man etwa 
7 Stunden nach Sizilien. Retour nahmen wir einen Nachtzug von Syrakus nach Romund fuhren tags darauf  wieder über Nacht nach Wien.
Es gibt auch Fährverbindungen – beispielsweise von Genua nach Palermo, wo Radmitnahme kein Problem ist – bei der Bahnanfahrt zu den italienischen Häfen gibt es aber Probleme. Von Innsbruck aus ist Genua allerdings auch halbwegs akzeptabel mit Regional-, bzw. Eilzügen erreichbar – und in diesen Zügen ist Radmitnahme kein Problem.
 
Ideale Reisezeit:
Wir fuhren im November und waren – abgesehen davon, dass es im Landesinneren auf 1000 Meter Höhe recht kühl werden kann – begeistert. In fast vier Wochen hatten wir nur einen halben Regentag. Der Frühling beginnt bereits ab Mitte Februar, meiden sollte man allerdings die Hochsaison im Sommer, sowie den Jänner, wobei es mitunter auch im November und Dezember recht regnerisch sein kann.
 
Karten und Bücher:
1) Straßenatlas Süditalien des Italienischen Automobilclubs TCI 1:200.000 – oder die entsprechende Landkarte. Beides ist fehlerhaft, zeigt teilweise Straßen, die es nicht gibt und umgekehrt, bleibt aber immer noch die beste Option.
2) Carmen Fischer, Helmut Walter, Szilien per Rad, Kettler-Verlag.

 

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