You are here„Velocipedfahrenmüssens innerster Drang beseelt mich!“
„Velocipedfahrenmüssens innerster Drang beseelt mich!“
Jahr:
2010
Ausgabe:
1 Ein Kultursommer mit dem Fahrrad zu Ehren Gustav Mahlers
„Ich scheine wirklich geradezu für das Fahrrad geboren zu sein und werde bestimmt nicht zum Geheimrad ernannt werden“. Dazu schien er über ein Zuviel an Temperament verfügt haben: „Soweit bin ich schon, dass mir alle Pferde ausweichen – nur im Läuten bin ich noch schwach“. Dies dürfte aber weniger mit den akustischen Qualitäten der Klingel zu tun gehabt haben, als vielmehr mit dem Faktum, dass die Taxameter, „die sich immer in der Mitte der Straße aufhielten“, schlicht nicht auf den schwungvollen Radfahrer reagierten, „wo ohnehin alle Straßen zu eng sind“. Inwieweit Mahler in den weiteren Jahren radelnd unterwegs war, ist nur selten belegt wie während seiner Aufenthalte am Attersee. Auf jeden Fall war der letzte große Symphoniekomponist des 19. Jahrhunderts und Wegbereiter der Moderne jemand, der auch am Wandern, Rudern und Schwimmen Gefallen fand. Radelnde Mahler-Liebhaber finden auf jeden Fall an vielen seiner Schaffens- und Erholungsorte Möglichkeiten, um Radel-, Kultur- und Musikgenuss oft auf vorzügliche Art zu kombinieren.
Mahler in Wien und in Böhmen
Im Österreichischen Theatermuseum in Wien läuft noch bis Anfang Oktober 2010 die Ausstellung zu Gustav Mahler und Wien, die auch ein „Velociped“ aus Hamburger Zeiten abbildet. Wien war für ihn von ambivalenter Bedeutung: Er schätzte es als Ort der Künste, er empfand als heimatloser Jude aber im Kontext der damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen in Wien auch Distanz, er litt auch oft unter einer zu starken traditionalistischen Kunstauffassung. Die Orte seiner Wien-Aufenthalte – z.B. Wohnhaus
Auenbruggergasse 2, Musikvereinsgebäude, Sezession, Sterbehaus Mariannengasse 20, Grab am Grinzinger Friedhof – sind am bestem mit einer eigens angebotenen Führung erlebbar. Nach Wien kam er 1875 von Iglau, wohin er wenige Monate nach seiner Geburt am 7. Juli 1860 im 22 Kilometer entfernten Dorf Kaliště mit seinen Eltern zog. 1875 war er einer von vielen Zugereisten in Wien, der Anteil der in Böhmen und Mähren Geborenen an den Wienerinnen und Wienern betrug 1880 über 26 Prozent. Heute kann sein Geburtshaus in Kaliště nur bei Voranmeldung am Gemeindeamt besichtigt werden. An seinem Geburtstag wird dort Thomas Hampson Lieder von Mahler vortragen. Schon breiter ist das Angebot in Jihlava (Iglau). So sehr er sich künstlerisch nach Wien sehnte, so sehr war er auch dem damaligen Iglau verbunden, bis zu seinem Tod behielt er dort das Heimatrecht. Das Wohnhaus der Mahlers in der Znaimer Straße 4 gewährt Einblicke in seine, oft von Tragödien geprägten Kinder- und Jugendjahre (sechs seiner dreizehn Geschwister starben), wie auch in erste musikalische Gehversuche und Inspirationen. Noch bis zum 17. Juni findet in Jihlava das Mahler-Festival statt, in der Regionalgalerie Vysocina ehrt eine Ausstellung von Gemälden zeitgenössischer Künstler zu Mahlers Sinfonien den Jahresregenten. Mit Radwegen sind diese Mahler-Orte nur zum Teil verbunden. Dennoch zwei Routenempfehlungen: Auf dem böhmisch-mährischen Fern-Radweg „Cyklotrasa č. 16“ von Slavonice an der Grenze zum Waldviertel (Fratres) nach Jihlava (66 Kilometer), mit der Perle Telč auf halbem Weg und in Kombination mit dem Kamp-Thaya-March-Radweg. Und von Kaliště aus lohnt sich ein gut 10 Kilometer langer Abstecher auf dem „Cyklotrasa č. 1211“ nach Lipnice nad Sázavou, nicht so sehr wegen der Bedeutung als Geburtsort von Mahlers Vater, sondern weil dieser Ort sehr idyllisch an der Sázava liegt, überragt von einer wunderbaren Burg, wo Jaroslav Hašek („Der brave Soldat Schwejk“) seine letzten Lebensjahre verbrachte.
Sommerfrischeorte Gustav Mahlers
Mahler zog es in den Sommermonaten wie viele andere Künstler um die Jahrhundertwende in die großstadtfernen Landschaften, wo er nicht nur komponierte, sondern auch Inspirationen für seine Symphonien bezog. Zwischen 1893 und 1896 hielt er sich in Steinbach am Attersee auf. Jeweils am Vormittag blieb der „Ferienkomponist“ – wie man ihn wegen seiner Art bezeichnete, die sommerlichen Theaterpausen für künstlerisches Schaffen zu nutzen – auf seinem Zimmer und schrieb. Nach Tisch und Mittagsschlaf wurden gemeinsame Spaziergänge und Radpartien unternommen, auch besuchte man mit den Dampfern Freunde in den Orten am See. Dabei ist die Landschaft auch immer wieder in sein Schaffen eingegangen, wie er Bruno Walter bei einem gemeinsamen Spaziergang am Fuße des Höllengebirges vermittelte: "Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen, das habe ich alles schon weg komponiert". Heute beherbergt das Hotel Föttinger in Steinbach eine Gedenkstätte mit Bildern und Dokumenten zu Mahlers Attersee-Sommern. Für eine Radtour um den Attersee stehen seit April 2010 auch E-Bikes zum Mieten zur Verfügung. Übrigens hat sich dort der alljährliche autofreie Rad-Erlebnistag schon längst etabliert.
Danach zog es Gustav Mahler an den Wörthersee. 1901 zog er in Maiernigg bei Klagenfurt in seine neu errichtete Villa ein, im Jahr zuvor schon war das Komponierhäuschen – von ihm "Study" genannt – fertig. Heute ist das Komponierhäuschen für Besucher offen. Vom 9. Juli bis 18. Juli findet in Klagenfurt das Festival "Mahler Contemporary" statt. Aber nicht nur die Strandbäder am Wörthersee laden zur Sommerwonne ein, sondern der 48 Kilometer lange Radweg um den Wörtersee auch zum Genießen der Landschaft. Bis zum Tod seiner Tochter Maria war das Häuschen Mahlers einzige Komponierstätte, danach betritt er Villa und Komponierhäuschen nicht mehr. Zwischen 1908 und 1910 verbrachte er seinen Sommerurlaub stets in Toblach (Pustertal). Zur Erinnerung an den berühmten Gast finden dort jährlich die „Gustav Mahler Wochen“ statt, 2010 vom 10. Juli bis 8. August.
Auch dort kann man neben dem Musikgenuss auch den Landschaftsgenuss
vorzüglich vom Sattel aus erleben, entweder entspannt auf dem Pustertalweg oder auf einer anspruchsvolleren Radtour durch das Höhlensteintal nach Cortina (42 Kilometer), die mit grandiosen Ausblicken auf die schönsten Dolomitengipfeln (Drei Zinnen, etc.) belohnt wird.
Informationen
Wien: Österreichisches Theatermuseum, Mahler-Ausstellung „leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener“, bis 3. Oktober 2010; www.khm.at/oetm;
Mahler-Spaziergang, „Auf den Spuren von Gustav Mahler und seiner Zeit“, www.wien.info/media/files/mahler-spaziergang.pdf;
Kaliště: Geburtshaus, Gemeindeamt (Obecní úřad), www.obeckaliste.cz;
Jihlava (Iglau): Tourismus-Infos, Mahler Haus, http://tic.jihlava.cz/DE; Musikfestival Mahler Jilhava: www.mahler2000.cz;
Information zu Radwegen in Tschechien: http://cyklotrasy.cz; Ferienregion Attersee: www.attersee.at, www.mahler-steinbach.at, www.foettinger.at;
Klagenfurt: www.gustav-mahler.at; www.radlandkaernten.at;
Dobbiaco/Toblach: Gustav Mahler Musikwochen, www.gustav-mahler.it; Radrouten http://biken.suedtirol.com/radwege;
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