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Girtlers Freilauf 3/10
Jahr:
2010
Ausgabe:
3 Wie ich wohl schon erzählt habe, fahre ich regelmäßig vom 7. Wiener Gemeindebezirk aus auf dem Donaukanal nach Klosterneuburg und von dort auf den Kahlenberg. Die Straße auf den Kahlenberg hat es in sich. Man muss schon ein guter Bergradler sein, um die Steigungen einigermaßen gut zu meistern. Das Bergradeln hat etwas Besonderes an sich, es hat eine eigene Faszination, so auch die Fahrt auf den Kahlenberg und den Cobenzl. Der geübte Bergradler genießt die Fahrt durch den Wienerwald und den Blick auf das alte Stift Klosterneuburg mit den beiden Kuppeln, auf denen der österreichische Herzoghut und die deutsche Kaiserkrone zu sehen sind. Bevor die Straße zum Kahlenberg ansteigt, schalte ich zumeist eine kleine Pause ein, läute am Gartentor meines Freundes Klaus Thewanger, den Herrn „Grafen“. Auch er ist ein großer Radfahrer, trotz seiner 75 Jahre, er fährt manchem Jungen davon. Er ist für mich ein Beispiel dafür, dass Radfahren jung erhält, vor allem das Bergfahren. Auch er liebt die Höhen. Wir tauschen Gedanken aus, er erzählt mir, was ihm so alles beim Radfahren passiert. Seine liebe Frau Gemahlin winkt mir vom Fenster zu. Manchmal will ich das Gespräch hinaus zögern, um nicht sofort die Mühen des Bergauffahrens auf mich nehmen zu müssen. Doch nach einem kurzen Gruß geht es los. Die erste Steigung bedarf eines kleinen Ganges, aber dennoch plage ich mich.
Nun folgen leichte Kurven, ich befinde mich auf der Höhenstraße. Die glatte Asphaltstraße geht über in das klassische Stöckelpflaster, das aus der Zeit lange vor dem zweiten Weltkrieg stammt, als die Höhenstraße erbaut wurde. Dass es die Höhenstraße überhaupt gibt, ist dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger zu danken, den die Wiener verehrten, weil er den Wald- und Wiesengürtel um Wien möglich gemacht hat. Ohne Lueger würde es also den Wienerwald um Wien nicht geben. Daran erinnert übrigens ein Lueger-Denkmal auf dem Cobenzl. Lueger war es aber auch wichtig, dass durch diesen Wald- und Wiesengürtel eine Straße führt. Dies legt er in einem Erlass an den damaligen Magistratsdirektor vom Jahr 1904 fest. Es heißt da, dass „auf die Anlage einer … mit Baumreihen versehenen Hochstraße Bedacht zu nehmen ist“. Die Wiener sind darüber froh, vor allem wir Bergradfahrer. Ich erhebe auf das Wohlsein von „Graf“ Klaus Thewanger, seiner lieben Frau und all jener Bergradler, die mir auf der Höhenstraße begegnen, ein kleines Glas mit dem isotonischen Getränk Bier.
Roland Girtler ist Professor am Institut für Soziologie der UNI Wien
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