Niederösterreichs Kulturlandschaft ist von einer Vielfalt an barocken Bau- und Kunstwerken geprägt wie kein anderes Bundesland in Österreich. Dafür verantwortlich war in erster Linie Groß-Baumeister Jakob Prandtauer, dem 2010 zu seinem 350. Geburtstag Ausstellungen in Niederösterreichs Landeshauptstadt und in Melk gewidmet sind. Wesentlich aufgewertet wird die Zeitreise in die barocke Vergangenheit per Fahrrad auf dem Traisental- und Donau-Radweg zwischen Prandtauers Wohnort St. Pölten und seinem bedeutendsten Werk, dem Stift Melk.
Reisen zu Prandtauers Meisterwerken
Vor dem Aufschlagen der Radkarte ist ein Besuch im Stadtmuseum St. Pölten ratsam, einem von drei Ausstellungsorten in St. Pölten, die dem Profanbaumeister gewidmet sind. Dort gibt eine Karte einen sehr anschaulichen Überblick zu Prandtauers Schaffensorten in Österreich. Der „Paumeister“ war zu diesen einst mit einer ungefederten Kalesche auf jämmerlichen Straßen ohne Unterbau unterwegs. In einer Stunde wurden damit in der Ebene und bei schönem Wetter 7,5 Kilometer zurückgelegt. Heute ist man freilich mit dem Fahrrad in jeder Hinsicht besser unterwegs.
Das Stift Herzogenburg ist ein Beispiel für die komplette Neuerrichtung einer Klosteranlage unter Jakob Prandtauer. Dafür wurde aus Kosteneinsparungsgründen auch der Hofarchitekt Fischer von Erlach beigezogen. Zur Überwachung der Bauarbeiten ab 1714 bis zu seinem Tode 1726 reiste er nachweislich 14 mal pro Jahr mit seinem Pferde-Reisewagen an, dafür dürfte er über eineinhalb Stunden unterwegs gewesen sein. Per Fahrrad auf dem Traisental-Radweg ist das Stift von St. Pölten aus nach 12 Kilometern leicht in einer Stunde zu erreichen, um an einer Führung teilzunehmen. Die Fassaden tragen die Handschrift von Prandtauer, innere Räumlichkeiten wie etwa der imposante Festsaal stammen von Fischer von Erlach. Als Lebenswerk Prandtauers gilt aber das Stift Melk, an dem er von 1702 bis zu seinem Tod im Jahre 1726 plante, veränderte, weiterbaute (Fertigstellung 1736). Besonders gelang ihm der Umgang mit alten „Gemäuern", womit er ein völlig neues Erscheinungsbild schuf: zur Donau hin majestätische Fassade mit der großen Empore, vom Süden aus die 320 Meter lange Seitenfront mit ihrer Fensterflut. Perfekt inszeniert hat Prandtauer den Eingangsbereich mit den beiden Türmen und der Zufahrt zum Prälatenhof. Sehr radlerfreundlich gestaltet ist seit 2008 die Zufahrt bzw. der Eingang an der Ostfassade, denn dort gibt es eine Radabstellanlage mit versperrbaren Gepäckkästchen. Somit können die Radgäste entspannt nicht nur in der Ausstellung „Dem Meister auf der Spur“ folgen, sondern durch den Stiftspark mit Gartenpavillon wandeln. Prandtauer war lt. Reisespesenabrechnung 20 mal pro Jahr direkt vor Ort. Auf welchem Weg er dorthin mit seiner Kalesche unterwegs war, ist nicht überliefert. Wäre er einstmals von St. Pölten aus auf den heutigen Radwegen entlang der Traisen und der Donau über Traismauer und Mautern gefahren, so hätte er für die ca. 77 Kilometer über 10 Stunden gebraucht. Heute beträgt die direkte Straßenverbindung zwischen den beiden Prandtauer-Orten etwa 25 Kilometer. Für anspruchsvollere Kulturradler empfiehlt Gerhard Engel, radsportlicher Wirt aus Marbach („Zur schönen Wienerin“), allerdings seine Lieblingsroute durch den Dunkelsteiner Wald über Aggsbach-Dorf und Karlstetten. Für weniger anspruchsvolle Radler besteht immer die Direktverbindung mit der Bahn.
Mit dem Fahrrad durch die Prandtauer-Stadt St. Pölten
Aber St. Pölten ist nicht nur ein vorzüglicher Ausgangsort für die barocken Zeitreisen per Fahrrad, sondern lädt auch zu einem längeren genussvollen Verweilen ein. Etwa für Spazierfahrten mit dem Fahrrad, zu Prandtauers Wohnhaus in der Klostergasse 15, zu seinen Bauwerken wie dem Institut der englischen Fräulein, der Prandtauer Kirche (einstmals Karmelitinnen-Kirche) oder der Domkirche (einstmals Augustiner Chorherrenstiftskirche), die er mit seinem Neffen Josef Muggenast barockisiert hatte. Letzterer war verantwortlich für das barocke Rathaus, indem sich auch die Tourismusinformationsstelle (mit Radverleih!) befindet. Die Ausstellung im Diözesanmuseum am Domplatz vermittelt ungewöhnliche Einblicke in die sakrale Planungs- und Baukunst Prandtauers, das NÖ Landesmuseum Einblicke in das barocke Lebensgefühl, vermittelt durch – eine fiktive – Frau Prandtauer. Dabei durften neben Frömmigkeit und Wallfahrten auch Feste nicht fehlen. Denn Genuss und Schauspiel gehörten wesentlich zum Lebensstil von Bürgertum und Adel in der Barockzeit. Eine Gelegenheit, sich von Musik der damaligen Zeit beseelen zu lassen, bietet alljährlich das Barockfestival St. Pölten im Juni, verteilt an idyllischen Orten im Stadtzentrum. Zwei engagierte radfreundliche Radbetriebe am Traisental-Radweg, die „Seedose“ und das „Naturfreunde Bootshaus“, jeweils im Grünen gelegen, sorgen letzten Endes für kulinarische Genüsse und durch ihre Küche auch dafür, dass sich Speisen und Trinken nicht in einer Barockisierung der Radlerfigur niederschlagen.
Information:
Prandtauer-Ausstellungen: Profanbauten – Stadtmuseum St. Pölten,
Dem Meister auf der Spur – Stift Melk, 9. Mai – 7. November 2010; Stift Herzogenburg: Führungen täglich von April bis Oktober um 9.30 Uhr (nicht an Feiertagen), 11.00 Uhr, 13.30 Uhr, 15.00 Uhr und 16.30 Uhr; www.stift-herzogenburg.at;
Radfreundliche Betriebe am Traisental-Radweg:
„Seedose“, an den Viehofner Seen gelegen,
www.seedose.at; Naturfreunde Bootshaus, Waldromantik und Bachidylle am Südrand,
www.bootshaus.at; Information, Radverleih und begleitete Radtouren: Tourismusinformation St. Pölten, Rathausplatz 1, 3100 St. Pölten, Tel. 02742/353354; Fax 02742/333-2819,
E-Mail: tourismus@st-poelten.gv.at; Tourismusinformation Herzogenburg,
www.herzogenburg.at; Tourismusbüro Melk, www.melk.gv.at;